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Varoufakis-Video ist (k)ein Fake?

Das Varoufakis-Video ist (k)ein Fake! Oder doch (nicht)?

Posted by jhaslauer in Blog, Medien

Hier kurz die Vorgeschichte, für alle, die es (wider Erwarten) noch nicht kennen:

Der griechische Finanzminister Varoufakis wird am 15.3. in der Sendung von Günther Jauch mit einem Video aus 2013 konfrontiert, bei dem er „Deutschland den Mittelfinger zeigt“.

 

Die gesamte Rede ist natürlich deutlich länger als der kurze Ausschnitt, über den danach ganz Deutschland spricht. Vor allem aber wurde die Aussage aus dem Kontext gerissen, denn Varoufakis bezog sich auf die Situation in Griechenland vor dem ersten Hilfspaket. Man hätte „2010 kein Geld annehmen und den Sparplänen von Deutschland den Stinkefinger zeigen sollen“.

Varoufakis dementiert und behauptet, es sei eine Fälschung. Er twitterte danach auch den Link zum Youtube-Video des Veranstalters, setzt in seinem Tweet allerdings das Wort „undoctored“ auch unter Anführungszeichen. Aber das Video, dass vom Veranstalter hochgeladen wurde, zeigt den gestreckten Mittelfinger. Außerdem bestätigten Alessandro Del Prete, der das Video aufzeichnete und auch die Organisatorin, dass das Video echt sei.

Die „Bild“ hatte ihren Aufmacher passend zur angespannten Griechenland-Situation und der Skandal war perfekt …

 

 

Das Varoufakis-Video ist ein Fake!

Gestern Nacht ließ man jedenfalls bei Jan Böhmermann in der Sendung „NeoMagazin Royal“ eine Bombe platzen und präsentierte folgendes Video:

 

Liebe Redaktion von Günther Jauch. Yanis Varoufakis hat Unrecht. Ihr habt das Video nicht gefälscht. Ihr habt einfach das Video nur aus dem Zusammenhang gerissen und nen griechischen Politiker am Stinkefinger durchs Studio gezogen. Damit sich Muddi und Vaddi abends nach dem „Tatort“ nochmal schön aufregen können. „Der Ausländer! Raus aus Europa mit dem! Er ist arm und nimmt uns Deutschen das Geld weg. Das gibt’s ja wohl gar nicht. Wir sind hier die Chefs! So!“ Das habt ihr gemacht. Und der Rest ist von uns.

Jan Böhmermann

 

Oder doch nicht?

Kurz nachdem das Video im Netz herumgereicht wurde, kamen sofort die Überprüfungen. Massengeschmack-TV“ erklärt, warum das originale Varaoufakis-Video doch kein Fake ist, und das Fake-Video doch ein Fake. Oder so.

Oder doch?

Die Befürworter bringen wiederum folgende Argument ins Rennen:

  • Das „Subversive Festival“ postet auf Twitter meist sehr kurz nach Veranstaltungen, aber am 7.2. plötzlich den Link zu der 2 Jahre alten Veranstaltung und am 13.2. eben das bis dato noch unbekannte Video. Andere Videos mit Varoufakis von der selben Veranstaltung in 2013 wurden bereits wenige Tage danach hochgeladen.
  • Böhmermann trendete mit seinem „V für Varoufakis“-Video am 25.2. den Hashtag #flutschfinger bei Twitter und hat in dem Video – noch vor allen Anderen – den Ausschnitt mit dem Finger eingebaut.
  • Es werden „rote Frames“ angeführt, die zweimal in der Konferenzaufzeichnung auftauchen (40:10 und 40:22) und auch in der Böhmermann-Sendung (z.B. bei 8:06).

Die Faktenlage sollte sich allerdings schnell in den nächsten Tagen aufklären lassen. Alessandro Del Prete, und Dina Pokrajac werden bestätigen, dass ihre bisherigen Aussagen falsch waren; und die Redaktion stellt die Videofiles zur Prüfung zur Verfügung. Persönlich tippe ich darauf, dass es wirklich eine Inszenierung war. Die Auflösung des Settings wirkt sehr stimmig und die Produktionszeiten wären für eine spontane Aktion vom Zeitraum 16.3. bis 19.3. viel zu kurz.

In gewisser Weise ist es aber ohnehin egal, da wir uns schon alleine durch das „darüber diskutieren“ wunderbar im Kreis drehen.

 

Die Reaktionen

Die Netzgemeinde hatte jedenfalls sofort ihren Spaß. In kürzester Zeit war #Varoufake ein „Trending Topic“ und der Tweet von Jan Böhmermann wurde in wenigen Stunden 1600 mal favorisiert und 1200 mal retweetet.

 

 

 

 

Warum das alles?

Vielleicht will man Denkanstöße vermitteln, vielleicht will man tatsächlich aufzeigen, wie schlecht manch große Redaktion recherchiert, vielleicht will man der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Vielleicht möchte man aber einfach auch nur Werbung für das NeoMagazin Royale mit dieser Aktion machen. Seit gestern Nacht entstanden ja nicht nur dieser Beitrag, sondern Artikel in der FAZ, der Zeit, Spiegel, Focus oder auch im Guardian.

Jan Böhmermann (hier ein Portrait in der „Zeit“) liebt es, zu provozieren. Und er hat einen Riecher dafür, wie Medien ticken. Das hat man zuletzt auch bei der ähnlich gelagerten Geschichte rund um die (vermeintliche) chinesische Ausgabe eines Teils der TV-Total-Sendung von Stefan Raab gesehen. Er hat die „Angriffslust“ eines jungen Stefan Raab oder die Respektlosigkeit eines Oliver Pocher, bewegt sich aber mehr auf dem bissigen Niveau von Harald Schmidt und wirkt dabei frisch wie Jimmy Fallon.
(Nachtrag: Oder – wie ein guter Freund meinte – Parallelen zu Jon Stewart oder John Oliver. Dem kann ich natürlich durchaus zustimmen. 😉 )

Inszeniertes Medientrolling?

Die Aktion an sich finde ich – völlig unabhängig davon, ob des nun ein Fake-Fake oder doch nur ein Fake oder wasauchimmer ist – grundsätzlich sehr gelungen. Weniger gut ist allerdings, dass das Vertrauen in die Medien im Allgemeinen dadurch eher nicht steigen wird. Und ob man in der ohnehin angespannten Situation der Sache einen guten Dienst erweist?

Fakt ist: Jan Böhmermann versteht, wie Medien ticken. Und weiß auch sehr geschickt, Social Media-Kanäle dafür zu nutzen.

Ich freue mich auf Diskussionen.

 

Updates vom 19.3. vormittag

Jan Böhmerman schickt eine Videobotschaft, in der er energisch bestreitet, einen manipulierten fake-fake fake-fake-fake-clip erstellt zu haben.

Yanis Varoufakis meldet sich via Twitter:

 

Die Bild meint „exklusiv zu wissen“, dass alles nur insizineirt sei, und dass das ZDF bereits mittags alles aufklären wird.

Und tatsächlich:

 

Tja. Offensichtlich können wir alle Satire tatsächlich nur mehr von der Wirklichkeit unterscheiden, wenn „Die Tagespresse“ oder „Der Postillion“ darunter steht. Selbst die für die Sendung „Günther Jauch“ zuständige „i & u TV“ hat vom ZDF Beweise für die „Fälschung“ verlangt.

Böhmerman hat nicht nur sensationell Werbung für seine Sendung gemacht, sondern über Stunden hinweg die komplette Medienbranche in Deutschland vorgeführt. Wollen wir hoffen, dass es eine konstruktive Diskussion über Glaubwürdigkeit und Qualität im Journalismus nach sich zieht.

19 Mrz 2015 no comments

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